{"id":790,"date":"2016-11-16T00:45:22","date_gmt":"2016-11-15T23:45:22","guid":{"rendered":"http:\/\/lu-x.de\/blog\/?p=790"},"modified":"2016-11-16T00:45:22","modified_gmt":"2016-11-15T23:45:22","slug":"spiritus-down-to-earth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/index.php\/installation\/spiritus-down-to-earth\/","title":{"rendered":"Spiritus down to Earth"},"content":{"rendered":"<h3><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-906 size-large\" src=\"http:\/\/lu-x.de\/blog\/wp-content\/2016\/11\/itrust_1-1024x682.jpg\" alt=\"itrust_1\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/itrust_1-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/itrust_1-300x200.jpg 300w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/itrust_1-768x512.jpg 768w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/itrust_1-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/itrust_1-2048x1364.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/h3>\n<h3><\/h3>\n<h3><\/h3>\n<h3>iTrust \u2013 Das verlorene Paradies<\/h3>\n<p>Sakral wirkt der Raum mit der Installation iTrust auf den ersten Blick. Das museale Fl\u00fcstern wird zum and\u00e4chtigen Schweigen. Meditationsmusik, die aufdringlicher klingt als das darauf folgende Handyklingeln, das man kaum wahrnimmt, nicht zuletzt auch aus Gewohnheit.<br \/>\nEin kleines Schild am Eingang bittet mich, mein Smartphone f\u00fcr die Dauer meines Aufenthaltes abzulegen. Nun habe Ich gar keines, nicht einmal ein schlichtes Mobiltelefon. Ich bin erleichtert, denn was w\u00fcrde Ich tun? W\u00fcrde Ich es tats\u00e4chlich hergeben? Oder w\u00fcrde Ich es versch\u00e4mt ausschalten um nicht aufzufallen, sollte es klingeln? W\u00fcrde Ich meine schnurlose Nabelschnur zum Rest der Welt tats\u00e4chlich, und sei es nur f\u00fcr kurze Zeit, unbeaufsichtigt lassen? Ich glaube nicht.<br \/>\nBereits bevor Ich die einzelnen Gegenst\u00e4nde der Installation genauer betrachten kann, wird ihre reliquienhafte Inszenierung deutlich, durch das strahlende Licht von oben, durch ihre Platzierung auf acht Sockeln, die in ihrer symmetrischen Anordnung einen Mittelgang bilden, der auf einen stilisierten Altar zul\u00e4uft, dahinter auf Augenh\u00f6he ein Monitor mit Wolkenbildern. Das verleiht dem Raum eine spirituelle Aura. Verspricht mir der K\u00fcnstler etwa den Weg ins Paradies? Wohl kaum, denn die zuerst wahrgenommene Symmetrie wird gebrochen durch einen zweiten Monitor am hinteren Ende der rechten Wand. Ich erkenne nicht, was er zeigt, beginne aber zu ahnen, das irgendetwas hier nicht stimmt. Gott sei Dank, denke Ich. Es soll ja nicht zu einfach sein. Und dann: Nein, Gott passt nicht so recht hierher, seinen Platz haben andere eingenommen. Zum Beispiel die goldene Maneki-neko, die ewig winkende asiatische Gl\u00fcckskatze, die mich hereinwinkt, freundlich grinsend.<br \/>\nDoch Ich lasse mich nicht t\u00e4uschen, ihre Augen sind tot, ihr L\u00e4cheln blechern. Ich wei\u00df, sie will nur mein Geld. Und doch gelingt es ihr, mich von dem Apfel abzulenken, sodass Ich erst nachdem Ich an ihm vorbeigegangen bin erkenne, dass er angebissen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hat Maneki-neko mich in ein besch\u00e4digtes Paradies gelockt? Traditionell stehen diese Katzenfiguren \u00fcber der Kasse um Kunden anzulocken, aber auch an den Eing\u00e4ngen zu Bordellen. Will sie nicht nur mein Geld, sondern auch meinen K\u00f6rper, gar meine Seele?<br \/>\nEtwas D\u00fcsteres nimmt Form an, auch wenn hier mit viel Witz und Ironie gearbeitet wird. So stehen sich wie konkurrierende Weltbilder das helle Spaghettimonster und die dunkle Materie aus schwarzem Kabelsalat gegen\u00fcber. Um den paradiesischen Urzustand wieder herzustellen, finden sich am \u201ePoint of Sale\u201c frische \u00c4pfel aus Massenproduktion, die sich gleichen wie ein Ei dem andern, und goldene Eier, gelegt von H\u00fchnern, die \u2013 es w\u00fcrde mich nicht wundern \u2013 jeden Moment als gebratene angeflogen kommen. Ein Handy, sorgf\u00e4ltig arrangiert mit Mandala und Platine, erinnert an eine orthodoxe Ikone, ein alter Brockhausbeitrag zum Begriff \u201eFernsprecher\u201c erscheint wie der Fund einer arch\u00e4ologischen Ausgrabung, die ersten Schriftzeichen einer einstmals neuen Kultur.<br \/>\nUnd dann, zum Abschluss, was zun\u00e4chst wie ein dekadenter Spa\u00df wirkt: Ein iPhone, durch das ein riesiger Nagel in ein grobes St\u00fcck Holz getrieben wurde. Das Glas elegant, sternf\u00f6rmig gesplittert. \u201eSalvation\u201c nennt der K\u00fcnstler dieses St\u00fcck. \u201eErl\u00f6sung\u201c. Diese symbolische Kreuzigung des iPhones erh\u00e4lt ihren ganz besonderen Beigeschmack, wenn man sich daran erinnert, wie Steve J(obs) sich selbst, gegen Ende immer manischer, inszeniert hat:<br \/>\nals Messias, als Heilsbringer, der den Menschen mit jedem neuen Produkt die Gl\u00fcckseligkeit, das Paradies ein kleines St\u00fcck n\u00e4her bringt; wenn man sieht, wie der Konzern mit dem angebissenen Apfel als Logo, dem Symbol f\u00fcr den Verlust des Paradieses, sich immer aufdringlicher und unverstellter wie eine Glaubensgemeinschaft pr\u00e4sentiert und dessen L\u00e4den Kirchen \u00e4hneln, wo nicht Produkte an Kunden verkauft werden, sondern wo man seinen J\u00fcngern Himmelsgeschenke (wenn auch kostspielige) mit auf den Weg gibt, auf dass sie die Worte ihres Herrn hinaustragen in die Welt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-905\" src=\"http:\/\/lu-x.de\/blog\/wp-content\/2016\/11\/salvation-1024x681.jpg\" alt=\"salvation\" width=\"800\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/salvation-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/salvation-300x200.jpg 300w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/salvation-768x511.jpg 768w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/salvation-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/salvation-2048x1363.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><br \/>\nIch blicke zum zweiten Monitor und lese in der Laufschrift, die endlos gleichm\u00fctig wie ein Mantra oder eine Gebetsm\u00fchle dahinrollt, wie Ich mein Leben verbringe \u2013 ob gewollt oder ungewollt im Zeichen des kleinen i: iEat, iDrink, iSleep, iDream, iWork, iPause, iLive, iDie \u2026<\/p>\n<h3>iPark \u2013 Zur\u00fcck in die Wirklichkeit<\/h3>\n<p>Zu jeder Kirche geh\u00f6rt eine Krypta \u2013 und unter der stilisierten iTrust-Kirche finde ich die stilisierte Krypta iPark. Eine Projektion von Tiefgaragenansichten auf der Stirnseite des Raumes wird von einer \u00dcberwachungskamera auf eine andere Wand projiziert. Auf diesem Bild bin auch ich zu sehen. Vor der Originalprojektion stehen drei Zinks\u00e4rge auf st\u00e4hlernen Rollwagen. Dunkel, d\u00fcster, kalt, funktional.<br \/>\nIch bin im Transitbereich, sehe mich selbst in der Projektion der Tiefgarage vor den S\u00e4rgen stehen. Mein Schatten, je nachdem wie ich stehe, schwebt \u00fcber den S\u00e4rgen.<br \/>\nAber nat\u00fcrlich ist das keine Horror-Show, gruselig ist hier gar nichts. Nein, sobald man erfasst hat, was hier technisch gespielt wird, wirkt das Ganze eher beruhigend. Denn nachdem ich oben meine Sinne zuerst ganz von mir weg auf die wertlosen Dinge gerichtet habe, von denen ich mein Leben f\u00fchren lasse, nachdem ich dort gesp\u00fcrt habe, dass Heraklits Wort \u201cWenn den Menschen das zuteil wird, worauf sie ihren Sinn richten, ist es noch keine Besserung\u201c auch nach 2.500 Jahren noch immer gilt, werde ich hier unten zur G\u00e4nze auf mich selbst zur\u00fcckgeworfen. Die Dinge spielen keine Rolle mehr. Keine Idole, keine Reliquien, kein strahlend sch\u00f6nes Falsch. Die Projektionen sind schwarz-wei\u00df-grau. Auch mein Double, das ich wie heimlich von hinten beobachte. Bin ich das \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Eine scheinbar achtlos liegen gelassene Parkscheibe gibt mir Halt. Halt an der Zeit. Ein Klammern an die Zeit, die noch bleibt.<br \/>\nDie S\u00e4rge sind nicht bedrohlich, sie sind einfach da. Sie dr\u00e4ngen mich nicht. Es sind kalte funktionale Zinks\u00e4rge, nicht mehr ganz neu, wohl oft benutzt. St\u00fcnden hier Holzs\u00e4rge, die gleich mir irgendwann verrotten werden \u2013 der Raum w\u00fcrde eine Art piet\u00e4tvolle W\u00fcrde erhalten, die hier nicht her passt, man f\u00fchlte sich zu sehr erinnert ans Ritual, an die Reliquie, die oben bereits mitsamt ihrer Beliebigkeit dekonstruiert wurde. Diese drei Zinks\u00e4rge hingegen sind funktional und sachlich. Ganz auf der Erde, auf dem Boden der Tatsachen. Zum einen sehe ich: es sind drei, ich bin also nicht allein. Alle sind sterblich, nicht nur ich. Zum andern h\u00f6re ich: Es hat keine Eile. Lass Dir Zeit. Nimm Dir Zeit soviel Du kannst. Wir warten. Wenn nicht hier, dann an einem anderen Ort, in einem anderen Keller, direkt unter Deinem pers\u00f6nlichen Paradies. ET IN ARCADIA EGO.<br \/>\nDas Leben ist nie nur Leben, das Leben ist immer Leben zum Tode hin. Nur der Tod ist nur der Tod. Und trotzdem verlasse ich diesen Raum nicht bedr\u00fcckt oder gar tr\u00fcbsinnig. Vielleicht hat mich hier etwas tats\u00e4chlich Spirituelles erfasst \u2013 nicht der falsche Spiritus, der in iTrust so trefflich blo\u00dfgestellt wurde \u2013 sondern ein Spiritus, der hier aus der Tiefe kommt. Einer, der ganz nah bei mir ist, der letztlich nichts anderes ist als meine eigene Existenz. Und der sagt: Vergeude nichts.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-910\" src=\"http:\/\/lu-x.de\/blog\/wp-content\/2016\/11\/ipark-1024x680.png\" alt=\"ipark\" width=\"800\" height=\"531\" srcset=\"https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/ipark-1024x680.png 1024w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/ipark-300x199.png 300w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/ipark-768x510.png 768w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/ipark-1536x1020.png 1536w, https:\/\/ludwig-schmidtpeter.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/ipark-2048x1360.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>Schmidtpeters Kunst ist existenzialistisch. Durch die gezielte Deplatzierung von Alltagsgegenst\u00e4nden, durch Kombination des Unkombinierbaren bringt er den Betrachter zum Nachdenken \u00fcber den Wert dieser Dinge, \u00fcber den zum Teil bedrohlichen Wert, den wir den Dingen beimessen, ihren Fetischcharakter und unsere Unterwerfung. Somit f\u00fchrt er uns zum Nachdenken \u00fcber uns selbst.<br \/>\nMan verl\u00e4sst diese Ausstellung nicht unbedingt kl\u00fcger, aber man hat wohl die eine oder andere Frage neu formuliert, die man mit auf den Weg nimmt. Fragen nach der Bedeutung der Dinge, die unsere Leben zum Teil ma\u00dfgeblich bestimmen, Dinge, die einen gleichsam religi\u00f6sen Charakter entwickelt haben. Und Fragen nach unserer Zeitlichkeit. Die aber nicht negativ als verrinnende Zeit zu verstehen ist, sondern als zu nutzende Zeit. Vielleicht sogar, durchs Nachdenken und befreit von der Last der falschen G\u00f6tter, als gewonnene Zeit.<\/p>\n<p>Bernd Nixdorf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>iTrust \u2013 Das verlorene Paradies Sakral wirkt der Raum mit der Installation iTrust auf den ersten Blick. Das museale Fl\u00fcstern wird zum and\u00e4chtigen Schweigen. 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